Aufgeben ist eine Option

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Never give up.
Gib alles. Nur nicht auf.
Aufgeben ist keine Option.

Das sind beliebte Parolen, häufig von selbsternannten Lifestyle-Gurus, die uns glauben lassen wollen, dass wir alles erreichen können, was wir möchten.

Überraschung: Tun wir nicht.

Ich werde es zum Beispiel niemals schaffen, meine Kinder dazu zu bewegen, freiwillig den Müll rauszubringen. Oder den Hund davon abzuhalten, in den Garten zu pinkeln.

Und ich befürchte, auch den Klimmzug, den ich mehrmals in der Woche visualisiere, werde ich nicht schaffen. Schon allein deshalb, weil ich viel zu selten trainiere – und es leider nicht möglich ist, der Schwerkraft allein mit der Kraft der Gedanken zu trotzen.

Und wisst ihr was?

Das ist vollkommen okay.

Ich habe in meinem Leben schon eine ganze Menge Sachen aufgegeben.

Beziehungen (nicht immer freiwillig).
Die Hoffnung, dass unser Haus irgendwann einmal komplett fertig sein wird.
Meine Schreibakademie, in deren Aufbau ich drei Jahre lang sehr viel Geld und noch mehr Arbeit gesteckt habe.

Und irgendwann auch den Anspruch, allein und dauerhaft vom Schreiben leben zu müssen.

Denn eines wusste ich lange ganz genau:

Ich wollte nie wieder zurück in die Mühle des Beamtentums.

Nie wieder auf endlosen Konferenzen sitzen.
Nie wieder mit störrischen Eltern diskutieren.
Nie wieder Wissen in Schülerohren träufeln, in denen AirPods mit Noise-Cancelling-Funktion stecken.

Mein Entschluss, nie wieder Lehrerin sein zu wollen, ging sogar so weit, dass ich meine ganzen analogen Unterlagen vernichtet habe.

Ein Blatt nach dem anderen habe ich aus den Ordnern gerissen.

Ich – Ritsch! â€“ werde – Ritsch! â€“ niemals – Ritsch! â€“ wieder – Ritsch! â€“ in – Ritsch! â€“ die – Ritsch! â€“ Beamtenmühle – Ritsch! â€“ zurückkehren.

Heureka, war das ein gutes Gefühl!

Zumindest kurzfristig.

Denn leider zeichnete sich mit den Jahren immer deutlicher ab, dass mein Vorhaben eine ziemliche Mammutaufgabe war. Zumindest, wenn man im Raum München lebt, einen Hund mit Biofutter ernähren möchte und zwei Kinder hat, die sich unerbittlich dem studierfähigen Alter nähern.

Trotzdem habe ich weitergemacht.

Ich habe zum Teil drei Bücher im Jahr geschrieben.
Social-Media-Posts an Weihnachten kurz vor der Bescherung verfasst.
Über hundert Bücherboxen gepackt – und dabei festgestellt:

Ich kann einiges.

Aber der ganze Verwaltungsakt rund um das Packen und Verschicken von Bücherboxen gehört definitiv nicht dazu.

Und dann kam Corona.

Und der Anruf der Konrektorin meiner alten Schule.

Ob ich mir vorstellen könnte, an zwei Tagen in der Woche wieder in den Schuldienst zurückzukehren, fragte sie. Es gäbe gerade einen immensen Mangel. Natürlich wüssten sie, dass ich inzwischen wahnsinnig erfolgreich wäre und vermutlich Nein sagen würde – aber einen Versuch wollte sie trotzdem wagen.

Ich sagte Nein.

Danach legte ich auf, saß eine Minute bewegungslos da – und rief meine Konrektorin zurück.

„Ich mache es“, sagte ich.

Verrückt, oder?

Obwohl … eigentlich gar nicht.

Denn auch wenn viele Motivationsparolen von Lifestyle-Coaches ein bisschen zu glatt daherkommen und das Leben selten so funktioniert wie auf Instagram, habe ich letzten Monat einen Satz gelesen, den ich sehr mag:

Immer wenn wir etwas Neues in unser Leben einladen wollen, darf etwas Altes gehen.

Oder anders gesagt:

Manchmal dürfen wir auch einfach etwas aufgeben.

Wie die zu enge Jeans, die seit Jahren darauf wartet, dass unsere Kilos endlich so stark schmelzen, dass sie von ihrem Schattendasein im Kleiderschrank befreit wird – und die nun endlich Platz für eine neue machen darf.

Ich hatte so lange daran festgehalten, Vollzeit-Autorin sein zu müssen, dass ich mir nie eingestanden habe, wie sehr mich dieser Druck belastet hat.

Und als ich diese Vorstellung losgelassen habe, ist auf einmal wieder die Leichtigkeit in mein Leben zurückgekehrt, nach der ich mich schon lange gesehnt hatte.

Sollte ich irgendwann einmal einen Weltbestseller schreiben – so einen wie Eine Frage der Chemie oder Der Gesang der Flusskrebse â€“ ich glaube, ich würde trotzdem weiterhin unterrichten.

Aufgeben ist also definitiv eine Option.

Manchmal sogar eine sehr kluge.

Nur eines ist keine:

Liegen bleiben, wenn man fällt.

Schon allein deshalb nicht, weil der Boden meistens ziemlich schmutzig ist.

Und weil man von unten eine ziemlich schlechte Perspektive aufs Leben hat.

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum ich so gern Geschichten über Frauen in der Lebensmitte schreibe. Über Frauen, die irgendwann merken, dass sie sich von alten Vorstellungen, Mustern – und manchmal auch von Menschen – lösen müssen, damit etwas Neues in ihr Leben treten kann.

Etwas, das besser zu ihnen passt.

Was gibst du auf, damit bei dir etwas Neues einziehen darf?

Schreib es mir – ich freue mich darauf, von dir zu hören.

Alles Liebe
Katharina ☀️

P.S. Wenn du noch mehr über die vergessene Kunst des Aufgebens hören möchtest, empfehle ich dir diesen sechsminütigen Podcast von Dominik Spenst. (Hier kommt der Link hin.)

About the Author: Katharina Herzog Autorin

Katharina Herzog ist eine erfolgreiche Beststeller-Autorin, die Liebesromane für den Rowohlt Verlag und All-Age-Fantasy-Romane für den Dressler und den Loewe Verlag schreibt.
Außerdem ist sie Inhaberin der Schreibakademie Herzog, wo sie Kurse zum Romanschreiben gibt.

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